Friday Stresslevel

In langsamen Schlucken trinke ich den letzten Rest meines kalt gewordenen Kaffees und lasse dabei keinen Moment den Sekundenzeiger der Wanduhr aus den Augen. Tick – Tack- Tick- Tack. Der Minutenzeiger rückt ein Stück auf. Ein kleiner Tropfen Kaffee rutscht über den Rand der Kaffeetasse als ich meine Lippen von dem mit hässlichen Blumenmotiv bemalten Keramik löse. Das Geräusch klirrender Tassen aus der Geschirrspülmaschine folgt. Tastaturtastenbefehl, Anwendungen werden automatisch geschlossen. Gedankliche Tabs schließen sich, der Geist fährt in eine Art Büro-Ruhemodus. Ein blinkendes Signal auf dem Smartphone erinnert an Wochenendeinkäufe. Die von Papier zerschnittenen Finger greifen nach dem Reißverschluss der Tasche, schließen Sie, heben Sie auf die Schulter, schieben den Stuhl an den Schreibtisch und winken, währen die Lippen eine Abschiedsfloskel formen. Kollegen wünschen einen schönen Feierabend.

Die tintenbeklecksten Arme erinnern an Druckerfiaskos – Kalibrieren – Kalibrieren – Patrone leer. Wochenlimitierung. Wie ein abgelaufenen Verbrauchsdatum von Wurst und Käse. Ein Rad des Einkaufswagens blockiert. Es wird zur Zerreißprobe für Perfektionismus. Zeitdruck in den Gesichtern anderer Kunden. Blockade am Gemüsefach. Blockade am Brotregal. Die Nerven liegen wie ein dünner Film auf meiner Haut. Elektrisierend, überspannt, wie das Gummi eines zu stark aufgeblasenen Luftballoons. Die Hektik, auch die unendliche Ruhe anderer Kunden tanzen wie Nadelspitzen auf meinem Nervenfilm. Die Nackenhaare stellen sich auf. Der säuerliche Geschmack von abgestandener Kaffeesahne kommt auf.

Einkäufe werden unsanft auf das Band geworfen. Die Eier behutsam abgelegt. Piep – Piep – Piep … das Kassenbrand bewegt sich ruckartig, Stück für Stück. Einsammeln, Einräumen, freundliches Lächeln. Papier gegen Nahrung. Schwere Tüten als Armverlängerung.

Nach Einkäufen, erstmals Mensch.

Die Wohnungstür schwingt auf, die Einkäufe werden verteilt. Systematische Lagerhaltung. Der Blick schweift streng über die zerknitterte Einkaufsliste.

Vergessenes lässt die Balloonhaut platzen und den Müden Geist seufzend ins Bett sinken.

Freitag.

© Hedda Rossa – Juni 2017