Herzen malt man rot

Filzstifte.
An Ihre Filzstifte erinnere ich mich sehr gut.

Im Kunstunterricht malte Sie ausschließlich mit Ihnen. Wir waren jung und sie war süß und ich stotterte. Mein Stottern, ja es schränkte mich etwas ein. Ja, mein Stottern. Ich war anders. Ich war anders als sie und anders als der Rest. Ich setzte mich neben Sie. Einfach so, denn ansprechen konnte ich sie nicht. Sie malte Menschen. Menschen und Sie sahen alle gleich aus.
Ich wollte sie fragen.
Ich wollte sie so vieles fragen.
„Magst du mich?“, fragte sie einmal, einfach so. Wir hatten Kunst. Sie malte vier gleich aussehende Menschen. Ich sah sie an und nickte. Mir war ganz warm.

Sie lächelte.

Ich sah sie zum ersten mal lächeln. Mein Gesicht wurde genauso karminrot wie einer ihrer Filzstifte. Ich starrte auf mein Papier. Eifrig malte sie weiter. Sie beachtete mich nicht mehr, so wie sonst jeden Tag.

Es fiel mir lange Zeit nicht auf. Sie war sehr still und redete mit niemanden. In Pausen verschwand sie. Doch an diesem Tag bemerkte ich es. Sie saß an Ihrem Platz, den Kopf in den Aufgaben der Schulstunde versengt. Die Anderen aßen geschmierte Butterbrote oder kauften sich etwas im Bistro. Einer der Jungen ging zu ihr und drücke einen seiner buttrigen Finger gegen ihre Stirn. Er grinste.
„Das Brot deiner Mutter schmeckt zu trocken.“, spuckte er Ihr ins Gesicht. „Sag ihr das nächste mal, da gehört mehr Butter drauf“.
Er lachte. Drei weitere Jungs lachten mit. Einer riss ihr das Buch vom Tisch. Es flatterte aus dem Fenster. Alle lachten. Ich stand auf und ging zum Fenster. Das Buch lag nun im Hof.
„D-das.“, fing ich an zu stottern. Doch einer der Jungs unterbrach meinen kläglichen Versuch zu reden. Er schlug mit seiner Hand freundschaftlich auf meinen Rücken.
„Wir haben wohl Simons Beschützerinstinkt geweckt. Was willst du tun? Uns be-sch-sch-schimpfen?!“, sie alle lachten.
Als die Glocke läutete, war der Spuk vorbei.
Begann es an diesem Tag?

Ich hatte Therapie. Eine Förderung, die diese Schule für mich bot. Eine Stunde nach Schulschluss, fand ich sie. Aus der Mädchentoilette hörte ich ein Weinen. Ich öffnete die Tür.
„H-Hallo?“, stotterte ich schüchtern.
„Geh‘ weg“, rief ihre Stimme mir entgegen. Ein Schluchzen.
„Ich. Ich bin’s. S-Simon.“
Ich schloss die Tür hinter mir.
Sie schloss die Kabine auf.
Ihr liebes Gesicht war in Traurigkeit ertrunken. Sie kam zu mir. Nass. Ihre Kleidung war nass. Glänzende Augen sahen mich schüchtern an. Ich konnte nicht reden. Ich glaube sie wollte nicht reden. Ich streifte mir mein Oberteil über und hielt es Ihr hin und ließ sie allein. Vor der Tür hielt ich wache und fröstelte etwas in meinem Unterhemd. Sie kam heraus und sah mich unsicher an. Das Shirt war ihr viel zu groß, aber es war trocken.
„Ich mag noch nicht nachhause gehen.“, sagte sie dann.
Sie klemmte sich ein kleines Notizbuch unter den Arm und rieb sich das gerötete Gesicht.
„D-dann..“, fing ich an zu stottern. Sie blickte zu mir auf.
„Dann lass und doch noch in Corazón gehen. Bis meine Sachen trocken sind. Die haben eine Heizung.“, sagte sie und versuchte zu lächeln.
Ich nickte.

Das Corazón. Viele Erinnerungen verband ich mit diesem Ort. Es war ein kleines Café in der Nähe der Schule, dicht bei der einzigen Bushaltestelle in der Umgebung. Mittagspausen verbrachten wir Schüler gerne und oft dort. Wir Schüler. Sie sah ich nur das eine mal dort. An diesem Tag tranken wir heißen Kakao und trockneten Ihre Kleidung. Wir sprachen nicht viel.
Ihre Fingerspitzen waren buntbemalt von Filzstiftstrichen. Eine dunkle Strähne fiel in ihr Gesicht, als sie sich über ihr Notizbuch beugte.
Sie schrieb.
Sie malte.
Ich hatte das Bedürfnis, ihre Strähne hinters Ohr zu streichen. Meine Finger blieben still. Der Kakao dampfte und roch verführerisch. Ich vergaß, warum ich mich sorgte. Ich saß, und genoss ihre Anwesenheit.
Die Tür zum Café öffnete sich und eine kleine Gruppe trat ein. Das Mädchen in dem viel zu großen Shirt, zuckte erschrocken zusammen. Sie schlug schnell ihr Notizbuch zu und räumte ihre Filzstifte grob in die Schultasche. Ich sah sie fragend an.
„Wenn es schön ist, sollte man am besten aufhören. Man weiß nie wer kommt und es kaputt macht.“, sagte sie dann.
Sie zog sich um und wir verabschiedeten uns.
Mein Oberteil behielt sie.

Diese Vorfälle häuften sich. Ich fand sie oft weinend. An diesem Tag, trug sie lange Ärmel. Es war ein warmer Sommertag. Ich saß neben ihr. Wir hatten Kunst. Sie malte zwei gleich aussehende Menschen. Ohne Gesicht. Ihr Gesicht war gerötet von der Wärme. Ich beschloss sie zu fragen. Ich wollte sie so vieles fragen.
„W-warum der Pu-pulover?“
Sie ignorierte mich. Ich bereute meine Frage. Wollte ich denn wirklich eine Antwort? Ich genoss ihr schweigen und den Geruch ihrer bunten Filzstifte. Ich malte heute nicht.
„Meine Mutter soll es nicht wissen.“, sagte sie dann. „Es macht sie traurig.“
Mein Herz bliebt kurz stehen. Ihre zarten Finger umschlossen einen schwarzen Filzstift, der präzise seine Linien zog. Ihre Bilder waren wunderschön. Dieses Bild jedoch, es war anders als die anderen. Inmitten der Körper der beiden Menschen befand sich ein Herz. Sie waren klein und rot. Karminrot, wie ihr Filzstift.
„E-es ist anders.“, sagte ich als sie fertig war.
„Ja. Liebende Herzen malt man rot.“, sie sah auf ihre filzstiftverschmierten Fingerspitzen.
„Ich m-mag es“.
Sie sah mich an und lächelte.

Ich berührte Sie einmal.
Ich werde das niemals vergessen.

Es war ein besonders heißer Tag. Sie trug einen süßen Rock, versteckte sich in den Pausen. Im Klassenzimmer überfiel sie ein Kamerad. Er stand vor dem Tisch und spuckte ihr ein „du stinkst“ entgegen. Er warf ihre Schultasche quer durch den Raum. Zwei Mädchen zückten ihre Deosprays und sprühten herum. Ich sammelte eifrig ihre Tasche auf. Eines der Mädchen fing an ihr in den Rücken zu sprühen, eine weitere zückte ihr Deo.
Sie hustete.
„Hört auf! Bitte!“, schluchzte sie.
Eine weitere Person griff nach einem Deo. Ich stand auf und riss einem der Mädchen die Flasche aus der Hand. Ich schmiss sie so weit ich konnte aus dem Fenster.
„H-Hört auf!“, schrie ich.
Einer von ihnen schubste mich bei Seite.
Wir schlugen uns.

Als der Lehrer kam, bekamen wir beide Nachsitzen.

Es war bereits Nachmittag als ich meine Strafe abgesessen hatte. Am großen Schultor stand Sie. Ein verlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen. Ich bekam kein Wort heraus, starrte ihr auf den wunderschön lächelnden Mund.
„Ich wollte mich bedanken bei dir“, sagte sie dann.
„D-Das war se-selbstverständlich.“
„Nein, war es nicht.“
Kurz sah sie mir in die Augen. Ihre waren warm. Dunkelbraun.
Ich war nicht vorbereitet. Mein Herz klopfte schnell, als sie mich schüchtern Umarmte. Ich zögerte, fast zu lang. Drückte sie dann fest an mich.
Sie gab mir an diesem Tag ihr Notizbuch.
„Ich habe noch dein Oberteil. Sehe es als Pfand.“, sagte Sie dazu nur.
Es machte keinen Sinn.
Es war das letzte mal das ich sie sah.

Ich öffnete erst Wochen später das Notizbuch.
Sie liebte mich.

Mein Herz blutete.
Ich würde ihr nie wieder beim Malen zusehen können.

© Hedda Rossa – April 2016