Hundeherzen

Ich döste auf dem großen Sofa im Wohnzimmer. Meinen Kopf hatte ich auf der Wolldecke, die wie immer fein säuberlich zusammengelegt in einer der Sofaecken lag, gebettet. Ich roch den blumigen Weichspüler und all die vertrauten Gerüche, die er nicht schaffte auszuwaschen. Aus der Küche drang ein fleischiger Geruch zu mir. Ein fantastischer Braten musste im Ofen liegen und vor sich hin brutzeln. Doch ich war zu müde um nachzusehen.

Die Haustür fiel krachend zu. Schnelle Schritte trampelten die Treppe herauf.

Er eilte um die Ecke des Treppengeländers, das im Wohnzimmer endete und warf ohne hinzusehen seinen Rucksack aufs Sofa. Er eilte weiter in die Küche. Der Rucksack lag schwer auf meinem Unterleib, doch ich rührte mich nicht. Mein Blick verharrte auf dem Durchgang zur Küche und ich lauschte. Er sprach mit Maren.

Kurz darauf kam er wieder ins Wohnzimmer mit einer gekühlten Wasserflasche in seiner Hand. Sein weißes Trikot war feucht vor Schweiß, seine Haare wirkten dunkler. Als er näher ans Sofa kam roch ich sein intensives Deodorant, das sich dezent über seinen Schweißgeruch legte.

Ich liebte diesen Geruch.

Die grünen Flecken auf seinem Trikot verrieten mir, dass er wieder draußen gespielt hatte. Mit dem Fußball. Mit seinen Freunden. So wie er einst mit mir jeden Tag spielte. Die Sofakissen gaben leicht nach, als er sich an das andere Ende setzte. Ich freute mich über seine Nähe. Man sah mir meine Freude lange nicht mehr so an wie damals, doch ich freute mich sehr. Ich neigte meinen Kopf leicht zur Seite um ihn besser sehen zu können. Meine Augen leuchteten. Mein Körper kribbelte vor Aufregung. Er sah nicht herüber, sah auf sein Handy und hielt sich die kühle Flasche an eine seiner geröteten Wangen.

Maren kam aus der Küche. „Das Essen dürfte in zwanzig Minuten fertig sein. Nicolas nimm doch bitte den Rucksack von ihr runter. Was ist nur los mit dir?“, etwas strenge schwang im letzten Satz mit. Stöhnend gehorchte er und legte den schweren Rucksack neben sich auf den Boden. „Es hat sie doch gar nicht gestört“, murmelte er dabei. Maren schüttelte ohne ein weitere Wort zu sagen mit dem Kopf und ging zurück in die Küche.

Wenige Zeit später rappelte Nicolas sich auf, verschwand im Badezimmer, tauchte kurz darauf wieder auf und nahm die Schlüssel und die Leine vom Brett bei der Treppe. Er sah zu mir herüber und pfiff. Ein kurzer Energiestoß durchzuckte meine müden Knochen und ich setzte mich langsam im Bewegung. Ich wollte rennen. Wollte zu ihn stürmen, ihn in die Arme fallen, ihn umwerfen, ihn küssen, seinen wundervollen Duft in mir aufnehmen, doch mein Körper war nicht mehr in der Lage dazu. So trottete ich, mit einem Bein leicht humpelnd auf ihn zu und sah wie seine Ungeduld wuchs. Grob legte er mir mein Halsband und die Leine an und ging mit mir die Treppen hinunter. Schnaufend ließ ich mich von Stufe zu Stufe hinab, in der Hoffnung meine Pfoten würden mich auch noch die nächste Stufe tragen.

Eile. Nicolas eilte voran, bremste durch mich aus. Ungeduldig sah er auf sein Handy, ein, zwei Mal. Langsam trottete ich ihm hinterher. Meine Blicke wichen nicht von ihm ab. An einer kleinen Wiese hielt er an, wartete bis ich bei ihm angekommen war und sah zu mir herunter. Ich sah ihn an und wusste er würde auf mich warten. Ungeduldig, aber wartend.

Als wir umkehrten lag noch mehr Eile in seinen Schritten. Ich versuchte schneller zu laufen. Froh darüber endlich an der Haustür angekommen zu sein, schnaufte ich kurz. Nicolas schloss die Tür auf und ein unwiderstehlich saftig, würziger Geruch schlängelte sich aus dem leicht geöffneten Türspalt. Im Haus nahm er mir mein Halsband ab und lief die Treppen hinauf, zu der Quelle dieses unwiderstehlichen Geruchs.

Ich folgte ihm schwer schnaufend und trabte wieder auf meinen Platz auf dem Sofa zu. Unbeweglich hievte ich mich am Polster hoch und warf bei meinem Versuch eines der Sofakissen herunter. Ich legte mich an das eine Ende des Sofas und bettete meinen Kopf auf die fein säuberlich zusammengelegte Wolldecke. Ich roch den blumigen Weichspüler und all die vertrauten Gerüche, die er nicht schaffte auszuwaschen. Meine Sicht lag auf dem Esszimmertisch, an dem er und Maren dieses himmlische Gericht aßen. Glücklich seufzte ich und vor Müdigkeit fielen mir schon bald die Augen zu.

© Hedda Rossa – Juni 2017