Meeresluft

Mich zog es weit aufs Meer hinaus. Weit weg vom Grün der Landschaft. Wo die Fische schwammen und die Möwen kreisten, dort fühlte ich mich zu Haus. Doch um so heimischer ich mich fühlte, umso weiter trieb ich von dir fort.

Dein letzter Blick, dein letztes Wort, die Segel straff, ein guter Wind.

Die Wellen schlugen durcheinander, die Möwen waren schon lange verstummt. Das Schiff, das deinen Namen trub, trieb auf irren Wegen, weit weg vom Land. Mit dreizehn Mann auf hoher See, doch fühlte ich mich einsam. In Gedanken war ich stets bei dir. Die Wolken zogen sich zusammen. Das Wasser peitschte an dem Schiff hinauf. Ein schneller Wind kam auf.

Panisch schrie der Kapitän, die Besatzung folgte ihm. Das Holz des Schiffes knarrte, der Wind pfiff uns in den Ohren. Doch ich hatte keine Angst. Der Sturm tobte, als seien die Meere in wildem Zorn ertrunken. Die Kälte schlug wie die Hiebe einer eisernen Fraust auf meinem Gesicht. Das brausende Wasser übertönte die angsterfüllten Schreie der Matrosen.

Immer lauter pfiff der Wind, immer stärker klatschte das Wasser und immer kälter wurde es.

Die Wellen wurden höher, immer wilder. Letztendlich brachen sie das Schiff in zwei. Holz splitterte, brach und wurde in den gigantischen Schlund des Meeres gesogen. Das dunkle Wasser färbte sich allmählich rot. Mein Herz schlug schwer, das schwimmen gelang mir nicht. Die Trümmer begruben die letzten Matrosen. Die Wellen stießen mich hin und her. Meine Hände umklammerten ein morsches Stück Holz. Die salzigen Tränen rutschten unaufhaltsam über mein Kinn, hinab in die Tiefen des Meeres.

Dabei wollte ich doch zu dir zurück. Dir noch einmal in deine blauen Augen schauen und in ihnen das Meer wieder finden. Dein letzter von Trauer erfüllter Blick, die Angst in deinen Augen, sie rammte sich wie ein Pfahl in meine Brust und lies meinen letzten Atemzug vergessen. Kälte kroch in mein langsamer pumpendes Herz hinein. Eisig schoss mir das Blut durch den Leib und ließ ihn vor Kälte erstarren. Meine Hände glitten von der Trümmer. Die Wellen überschlugen sich. Es wurde dunkler.

Mein Herz schlug schwerer, ich rang nach Luft. Doch meine Lungen füllte sich langsam mit dem salzigen Wasser. Ich wollte weinen, nach dir rufen, doch Wasser erstickte mich. Ich war hilflos und spürte wie das kleine, brennende Licht in mir erlosch. Das Meer zog mich in seine Tiefen, es griff mit eisigen Klauen nach mir, riss mich weiter hinab. Mein Herz war betäubt vor Kälte und dieser trägen Einsamkeit.

Aber dennoch, so wie damals, liebte ich das Meer. Ich liebte es einst gar mehr als dich. Ich lies mich treiben, fühlte mich geborgen, mich aufgehoben. Fühlte mich frei und sorgenlos. Immer tiefer sank ich. Immer langsamer schlug mein Herz. Immer dunkler wurde das Licht in mir. Und dann…

Ich dachte nicht mehr an das Schiff und an das Meer. Auch nicht an die verstorbenen Matrosen. Nein. Mein letzter Gedanke, meine letzten verschollenen Tränen, sie galten dir…

nur dir allein.

© Hedda Rossa – Mai 2012