Spiegelblut – Leseproben

Leseprobe aus dem Prolog

Manchmal fühlte ich mich wie ein Kieselstein, der hinauf in den Himmel blickte und das Funkeln der Sterne bestaunte. Ich wollte in diesen Augenblicken daran glauben, dass es den Sternen besser gehen möge, als ihm, diesem kleinen Kieselstein. Es war die Hoffnung in mir, die daran glaubte, das ihr Funkeln nicht das einzig Wundervolle der Sterne war. Lange blieben mir selbst die Augen verschlossen. Ich sah stets nur einen Himmel voll Gestirn. Doch als er damals kam und mir die Augen öffnete, auch nur für diesen wahrhaft kurzen Augenblick, da verstand ich sofort. Ich verstand, wie finster die Kammer der Sterne doch wirklich war. Sie harrten in der ewigen Finsternis des Universums aus und kauerten weit entfernt vom Lauf des Lebens. Wie traurig doch die Worte klangen, das diese Sterne nicht mehr, als nur brennende Wolken einfachen Staubes waren, die emsig funkelten und schließlich verglühten. In der Finsternis des Unendlichen, dort waren sie der zaghafte Lichterschein, der die Menschen betörte. Ich begriff, wie glücklich so ein Kieselstein doch sein mochte, wenn er in den Himmel blickte. Mein Glaube, er war bis zur Unkenntlichkeit verwässert, denn – ich wusste. Er hatte es gelernt, mich zu verstehen, er, der selbst keinen Namen besaß, sondern nur jene schnörkellosen vier Ziffern, seine Identität ausmachten. So dachte ich wortlos und entkräftet, immer und immer wieder an ihn und an diese bedeutungsvollen vier Ziffern – 3228.

Leseprobe aus Kapitel 4

„Wer ist Topper?“, fragten 3228 und ich gleichzeitig und sahen uns dabei beide fragend an.
„Kommt mit, ich zeige ihn euch.“, sagte Luna offenbar belustigt. Sie öffnete die Tür, nahm dann die Suppe und stolzierte hinaus. Zögernd folgten wir ihr und schlossen die Tür wieder. Wir folgten ihr durch einen kurzen, offenbar unterirdischen Gang, dann durch eine weitere Tür, hinaus an
die Oberfläche. Wir befanden uns noch immer in dieser modrigen Welt voller Leichen und Gestank. Das war widerlich. Es war ziemlich Finster. Man konnte gerade noch die Umrisse der Leichen auf dem Boden erkennen. Luna führte uns um einige Leichenberge herum. Sie bog dann immer wieder ab, und plötzlich sahen wir Topper.

Topper war ein riesiges, unheimlich monströses und stinkendes Ungeheuer. Es sah fast aus, wie eine riesige, schmutzige Ratte. Keine Ahnung was es wirklich war, aber anscheinend war es zahm.
Luna ging ganz normal darauf zu und tätschelte es fast liebevoll am Kopf, bevor sie den gefüllten Suppentopf abstellte. Topper, so wie Luna dieses Monster nannte, stürzte sich sofort auf die heiße Suppe. Man hörte ganz deutlich das Geschmatze und Geschlabber von dieser Kreatur. Selbst das
Schlucken hörte man deutlich aus der Geräuschkulisse heraus. Es war einfach widerlich. Als es fertig war, schaute es uns, mit Suppe verschmierter Schnauze an. Dann gab das Vieh ein andächtiges Grunzen von sich und wühlte genüsslich im Dreck. Mit großen Augen schaute ich Luna an. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ratten mochte ich wirklich überhaupt nicht. Riesige Monsterratten hasste ich. Ratten waren ekelig. Doch 3228 ließ sich keineswegs von diesem Biest beeindrucken. Während ich noch immer stumm und völlig regungslos da stand und das Rattenwesen anstarrte, ging 3228 näher zu der Kreatur hin. Eigentlich sah es nur auf dem ersten Blick aus, wie eine Ratte. Wenn man genauer hinsah, fiel einem auf, dass dieses Tier eher
wie eine Kreuzung aus einem großen Hund und einer Ratte aussah. Der Körperbau ähnelte dem eines Hundes, genauso wie die förmliche Schnauze und die lange Zunge. Doch die Pfoten und die schmalen, spitzen Nagezähne, sie waren die einer Ratte, ebenso wie der Schwanz. Er war lang, dürr und nackt, so wie bei Ratten üblich. Das Fell war knochig und fast ganz schwarz. Die Ohren waren wie die einer Ratte. Es hatte zudem riesige, schwarze Glotzaugen, die fast schon grotesk aussahen. Eindeutig war es ein Ungeheuer. 3228 stand jetzt genau neben diesem Vieh und kraulte es hinter dem Ohr. Er sah aufmunternd lächelnd zu mir.

Leseprobe aus Kapitel 7

Eine Person im Anzug, dieser natürlich schwarz, sowie eine passende Fliege und ein dunkles Hemd, das war das einziege was man durch diesen strömenden Regen sehen konnte. Der Mond schien und warf seine Schatten. Die dunklen Seiten und ihre Missetaten, sie zeichneten sich auf dem grauen Boden ab. Nur der einen Person dort, so schien es, blieb die schlechtere Hälfte verborgen. Doch hätte man gewusst, wer diese Person war, dann hätte man auch gewusst, dass sie keine schlechtere Hälfte besaß. Denn so schien es klar, war sie der Schatten eines wirklichen Jemandes.Geräuschlos zogen Wolken am Himmel auf und verdeckten den Licht spendenden Mond vollkommen. Es schien als weinte der Himmel. Als weinte er um diese seelenlose Gestalt…

Leseprobe aus Kapitel 15

Die Stille um uns, sie war fast drückend geworden. Doch sie war auch wunderschön. 3228 klopfte einladend auf seinen Bauch. „Leg dich ruhig auch hin.“, sagte er dabei. Ich schaute ihn zögernd an. Doch legte mich dann mit dem Kopf auf seinen Bauch. Ich fühlte mich merkwürdig dabei. Staunend blickte ich zum Himmel. Die Sterne funkelten und blitzten durch die Nacht. Ich verstand nicht, wieso ich 3228 so sehr vertraute. Dabei kannte ich ihn doch fast überhaupt nicht. Doch wollte ich in diesem Augenblick nicht wirklich darüber nachdenken. Ich wollte die kurze ruhige Zeit, die uns noch blieb, einfach nur noch genießen. Langsam schloss ich die Augen. Ich lauschte 3228s Herzschlägen, ein ruhiges, gleichmäßiges Klopfen.
„3228, ich kann deinen Herzschlag hören.“, flüsterte ich ihm dann zu. Er antwortete nicht.
„Es schlägt schneller.“, kicherte ich ein wenig. Lächelnd blickte ich wieder hinauf zum Sternenhimmel und fühlte mich einfach nur geborgen. Ich wünschte mir, dass diese Nacht niemals enden würde.